WITTGENSTEIN UND DIE ALTE SKEPTISCHE TRADITION
Arhe VI, 11/2009
UDK 1 Wittgenstein L.
Originalni naučni rad / Original Scientific Paper
ROSARIO LA SALA
Universität Erlangen-Nürnberg
WITTGENSTEIN UND DIE ALTE SKEPTISCHE TRADITION1
- 1. Dieser Artikel stellt eine aktualisierte Version eines Vortrags dar, den ich beim 29th International Wittgenstein Symposium, Kirchberg am Wechsel 06.-12. August 2006, gehalten habe.
Abstract: Im vorliegenden Beitrag wird zweierlei gezeigt: einerseits, daß (i) die Philosophie des ‚letzten‘ Wittgenstein einige wesentliche Merkmale aufweist, die dem alten pyrrhonischen Skeptizismus gemeinsam sind; andererseits jedoch, daß (ii) der ‚Skeptizismus‘ Wittgensteins einen eigentümlichen Charakter besitzt, der in Zusammenhang mit seinem ‚philosophischen Stil‘ steht, einen Charakter, den man nicht adäquat erfassen könnte, würde man den Anspruch erheben, ihn ausschließlich mit einer herkömmlichen Kategorisierung wie derjenigen des ‚alten pyrrhonischen Skeptizismus‘ zu beschreiben.
Schlüsselwörter: Wittgenstein, Skeptizismus, Pyrrhonismus, Zweifel, Gewißheit.
In den letzten Jahren wird Wittgenstein immer häufiger mit dem Pyrrhonismus in Verbindung gebracht (Fogelin 1994; Sluga 2004; Stern 2004; Williams 2004).2 Aber inwiefern, könnte man fragen, ist eine solche Charakterisierung berechtigt? Nur eine nähere Betrachtung der Texte des Sextus Empiricus – unsere Hauptquelle für den alten Pyrrhonismus – in Zusammenhang mit einigen philosophischen Motiven bei Wittgenstein kann uns Antwort auf diese Frage geben.
Mit dem folgenden Beitrag beabsichtige ich zweierlei zu zeigen: einerseits, daß (i) die Philosophie des ‚letzten‘ Wittgenstein einige wesentliche Merkmale aufweist, die – wie auch Fogelin (21987) behauptet – dem alten pyrrhonischen Skeptizismus gemeinsam sind; andererseits jedoch, daß (ii) der ‚Skeptizismus‘ Wittgensteins einen eigentümlichen Charakter besitzt, der im Zusammenhang mit seinem ‚philosophischen Stil‘ steht, einen Charakter, den man nicht adäquat erfassen könnte, würde man den Anspruch erheben, ihn ausschließlich mit einer herkömmlichen Kategorisierung wie derjenigen des ‚alten pyrrhonischen Skeptizismus‘ zu beschreiben.
Selbstverständlich setze ich mich hier nur mit einer möglichen Lesart der Philosophie Wittgensteins auseinander, und zwar mit derjenigen der „Pyrrhonian Wittgensteinians“ (Stern 2004, S. 35). Ich möchte nicht behaupten, sie sei die einzig richtige. Aber wenn sie zutrifft, ist es nützlich und instruktiv, die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen diesem möglichen philosophischen Ansatz Wittgensteins und dem des alten Pyrrhonismus genauer zu betrachten.
1. WAS WITTGENSTEIN UND DER ALTE PYRRHONISCHE SKEPTIZISMUS GEMEINSAM HABEN
Die gemeinsamen Charakterzüge zwischen Wittgenstein und dem Pyrrhonismus betreffen sowohl (i) seine philosophische Position als auch (ii) seine philosophische Methode (seine Art und Weise zu philosophieren).
1.1 WITTGENSTEINS PHILOSOPHISCHE POSITION
In Bezug auf (i) seine philosophische Position scheint mir, daß man zumindest die drei folgenden Punkte hervorzuheben hat:
(a) Die Philosophie wird als eine therapeutische Tätigkeit betrachtet.
Wittgenstein schreibt: „Philosophie ist ein Instrument, das nur zum Gebrauch gegen Philosophen und den Philosophen in uns dient.“ (MS 219, 11). In der Tat scheint dies der Hauptgrund der ‚Pyrrhonian Wittgensteinians‘ zu sein, um ihre pyrrhonische Lesart zu bestätigen. Fogelin (21987, S. 233-234) bemerkt: „Classical scepticism was a critique of philosophizing and the anxieties it generates. […] Wittgenstein and the Pyrrhonians were concerned with the same object: philosophy as traditionally practiced. Their goal was the same: to eliminate it.“ (Daß letzteres – ‚the goal‘ – möglicherweise ein Mißverständnis ist, wird sich am Ende meines Papers zeigen). Man könnte als paradigmatisch für die beschriebene Haltung Philosophische Untersuchungen (= PU) 133 heranziehen (vgl. PU 38, 118, 255):
Die eigentliche Entdeckung ist die, die mich fähig macht, das Philosophieren abzubrechen, wann ich will. – Die die Philosophie zur Ruhe bringt, so daß sie nicht mehr von Fragen gepeitscht wird, die sie selbst in Frage stellen. – Sondern es wird nun an Beispielen eine Methode gezeigt, und die Reihe dieser Beispiele kann man abbrechen. – Es werden Probleme gelöst (Schwierigkeiten beseitigt), nicht ein Problem.
Es gibt nicht eine Methode der Philosophie, wohl aber gibt es Methoden, gleichsam verschiedene Therapien. (PU 133)
Nun, Sextus erinnert uns in seinem Grundriß der pyrrhonischen Skepsis (= P) daran, daß „der Skeptiker [...] aus Menschenfreundlichkeit nach Kräften die Einbildung und Voreiligkeit der Dogmatiker durch Argumentation heilen“ will (P 3.280). Die philosophische Argumentation ist nichts anderes als ein Instrument, ein Mittel, das auf verschiedene Weise verwendet werden kann, um sich von einem kranken Zustand zu befreien:
Wie nun die Ärzte für die körperlichen Leiden verschiedene kräftige Heilmittel besitzen und den Schwererkrankten die starken unter ihnen verabreichen, den Leichterkrankten dagegen die leichteren, so stellt auch der Skeptiker verschieden starke Argumente auf und benutzt die schwerwiegenden, die das Leiden der Dogmatiker, die Einbildung, nachhaltig beheben können, bei den stark vom Übel der Voreiligkeit Befallenen, die leichteren dagegen bei denen, deren Leiden der Einbildung nur oberflächlich und leicht heilbar ist und von leichteren Überzeugungsmitteln behoben werden kann. (P 3.280-281)
(b) Der Skeptizismus kann nur einen punktuellen, keinen universellen Charakter haben.
In diesem Punkt ist Wittgenstein ganz explizit in Über Gewißheit (= ÜG), und dies wird normalerweise als eine Kritik an dem Skeptizismus aufgefasst (Kenny 1973); wenn man allerdings diese Kritik unter Berücksichtigung von Stellen wie PU 133 (gerade zitiert) betrachtet, so sieht man, daß sie sich auf den philosophischen Skeptizismus bezieht, sprich auf (in Termini von PU 133) eine Methode der Philosophie, die den Anspruch auf eine allgemeine vollständige Lösung der Probleme erhebt („Es werden Probleme gelöst […], nicht ein Problem.“). So schreibt Wittgenstein in ÜG:
»Jedes einzelne dieser Fakten könnten wir bezweifeln, aber alle können wir nicht bezweifeln.«
Wäre es nicht richtiger zu sagen: »alle bezweifeln wir nicht.«
Daß wir sie nicht alle bezweifeln, ist eben die Art und Weise, wie wir urteilen, also handeln. (ÜG 232)
Ein Zweifel, der an allem zweifelte, wäre kein Zweifel. (ÜG 450)
In diesem Zusammenhang sollte man den folgenden Eintrag heranziehen: „[…] Ich sage: Alle diese Fakten sind hundertmal bestätigt worden. Aber wie weiß ich das? Was ist meine Evidenz dafür? Ich habe ein Weltbild. Ist es wahr oder falsch? Es ist vor allem das Substrat alles meines Forschens und Behauptens. Die Sätze, die es beschreiben, unterliegen nicht gleichermaßen der Prüfung.“ (ÜG 162) Diese Bemerkung ist insofern von Bedeutung, als sie eindeutig zeigt: Wittgenstein ist nicht der Ansicht, man könne das Substrat nicht in Frage stellen. Man kann es wohl, nur kann man nicht das ganze Substrat auf einmal und auf dieselbe Weise bezweifeln. Dieser Gedankengang wird von Wittgenstein im anschließenden Eintrag explizit formuliert: „Ja, wenn wir überhaupt prüfen, setzen wir damit schon etwas voraus, was nicht geprüft wird.“ (ÜG 163) Dieser Satz kann als Widerlegung eines radikalen Skeptizismus aufgefasst werden. Ein absoluter Zweifel à la Descartes ist nicht möglich, da selbst die Formulierung eines solchen Zweifels bestimmte Gewißheiten (insbesondere die richtige Anwendung des Wortes ‚Zweifel‘) voraussetzt. Der Einwand ist stichhaltig. Eine gewiße Vorsicht wäre jedoch bei der Rede vom ‚radikalen Skeptizismus‘ angebracht. Denn Wittgensteins Einwand zeigt, daß der punktuelle Zweifel immer möglich ist. Hierzu ist es hilfreich, sich die Kontroverse darüber zu vergegenwärtigen, ob die Pyrrhoneer in der Antike einen gemäßigten oder eher einen radikalen Standpunkt in ihrer Philosophie eingenommen haben.
Wie verhält es sich mit dem alten Pyrrhonismus? Hat er nicht eine universelle Enthaltung des Urteils gepredigt, eine, die sich allgemein auf jeden Untersuchungsgegenstand, gleichgültig welcher Natur, erstreckt? Die entscheidende Stelle für die Charakterisierung der alten Pyrrhoneer bezüglich dieser Problematik ist P 1.12: Sextus berichtet hier darüber, daß Ausgangspunkt der Philosophie eines Pyrrhoneers eine gewisse Beunruhigung ist, die durch die Wahrnehmung einer Ungleichförmigkeit (anōmalia) in den Dingen zustandekommt. Der Pyrrhoneer ist gegenüber dieser anōmalia ratlos, und deswegen gelangt er dahin „zu untersuchen, was wahr ist in den Dingen und was falsch, um durch die Entscheidung dieser Frage Ruhe zu finden.“ Er wird die Erfahrung machen, sich außerstande zu sehen, die Frage in einem oder dem anderen Sinne zu entscheiden, was er Urteilsenthaltung nennt. Aber die Pointe ist: Wird man von den Dingen nicht beunruhigt, so ist für einen Pyrrhoneer auch kein Grund vorhanden, um eine Untersuchung anzustellen. Wie universal der Umfang der Urteilsenthaltung eines Pyrrhoneers ist, wird durch seinen psychischen Zustand (seine Wahrnehmung von anōmaliai in der Welt) bestimmt.
Auch der alte Pyrrhonismus also ist vor allem dadurch charakterisiert, daß er punktuell gegen die Lehren der Dogmatiker argumentiert. Aber seine Kritik kann sich auf jeden möglichen Untersuchungsgegenstand erstrecken. Freilich muß der Pyrrhoneer dabei von den dogmatischen Voraussetzungen, die den Untersuchungsgegenstand betreffen, ausgehen und ihre Stichhaltigkeit prüfen; und er wird – um dies durchführen zu können – etwas anderes als gewiß annehmen. Aber prinzipiell wird sich kein Untersuchungsgegenstand der kritischen Methode des Skeptikers entziehen können. So stellt sich heraus, dass der sogenannte gemäßigte Skeptizismus sich als radikaler erweist als jener radikale Skeptizismus, der, mit seinem Anspruch auf einen absoluten Zweifel, selbstwidersprüchlich oder gar unverständlich wird.
(c) Die Berufung auf die Natur als Grundlage des menschlichen Denkens und Handelns.
Fogelin (21987, S. 233) stellt folgendes fest: „In trying to decide whether unicorns exist, I might consult certain books. I do not, however, raise the prior question of whether books exist. All this points to a fundamental tenet of Wittgenstein’s later philosophy: our participation in language-games lies beyond justification; it is a brute fact of human nature.” (Meine Hervorhebung); Fogelin stützt sich dabei auf ÜG:
Ich will den Menschen hier als Tier betrachten; als ein primitives Wesen, dem man zwar Instinkt, aber nicht Raisonnement zutraut. Als ein Wesen in einem primitiven Zustande. Denn welche Logik für ein primitives Verständigungsmittel genügt, deren brauchen wir uns nicht zu schämen. Die Sprache ist nicht aus einem Raisonnement hervorgegangen. (ÜG 475)
In diesem Zusammenhang ist es von Nutzen, die kommentierenden, anthropologischen Ausführungen von Gebauer 2009 bezüglich dieser Bemerkung zu betrachten. Gebauer ist an den „praktischen Reaktionen [des Menschen] auf die Welt“ interessiert. An diesen Reaktionen „zeigt sich die «Art, wie wir die Dinge sehen»: In der Welt erkennen wir, wie die Dinge angeordnet sind […]. Auch diese komplexen Zusammenhänge erfassen wir in unmittelbarer Wahrnehmung. Wir können eine Handlungssituation ohne dazwischengeschaltete Bewußtseinsakte beurteilen und in die Welt eingreifen. Alles dies sind Fähigkeiten, die ihre Grundlage nicht im Denken haben, sondern in der Übereinstimmung von wahrgenommenen, inkorporierten und von Menschen produzierten Strukturen. Dieses Zusammenstimmen zeigt sich insbesondere in der Antizipation zukünftiger Akte. Das Subjekt hat sich in seinem praktischen Handeln Dispositionen und Erwartungen einverleibt, die als innere Strukturen die Anforderungen der Welt und ihre möglichen Antworten vorwegnehmen und die es fähig machen, verständig mitzuspielen.“ (S. Gebauer 2009, S. 171f.)
In der Antike war die pyrrhonische Position von Anfang an den Vorwürfen ausgesetzt, daß sie das Leben unmöglich macht und sich außerdem in einen Widerspruch verwickelt. Was erwiderten die Pyrrhoneer auf diese Vorwürfe? In Sextus’ Adversus Mathematicos (= M) finden wir eine Antwort:
Wenn sie [die Dogmatiker] das sagen, verstehen sie nicht, daß der Skeptiker zwar nicht im Einklang mit philosophischer Argumentation lebt (untätig ist er nämlich nur, insofern es darum geht), daß er aber nach der nichtphilosophischen Beobachtung das eine wählen und das andere meiden kann. (M 11.165)
Er kann, so Sextus, ohne in einen Widerspruch verwickelt zu werden, das eine wählen und das andere meiden, weil er „aufgrund des Vorbegriffs in Einklang mit den väterlichen Gesetzen und Bräuchen“ handelt (M 11.166). In anderen Worten: der Pyrrhoneer macht die Ebene des alltäglichen Lebens geltend, eine Ebene, auf der die Natur die Hauptrolle und die philosophische Argumentation, wenn überhaupt, eine untergeordnete Rolle spielt (s. P 1.23, 2.246).3
1.2 WITTGENSTEINS PHILOSOPHISCHE METHODE
Die zweite Gemeinsamkeit zwischen Wittgenstein und dem alten Pyrrhonismus betrifft (ii) die philosophische Methode. Es ist möglich, in der dialogischen Vorgehensweise der philosophischen Methode Wittgensteins eine gewisse Verwandtschaft mit dem alten Pyrrhonismus festzustellen: Der sokratische Zug einer Darstellung widerstreitender Standpunkte, die zu einer Aporie führen, erinnert an die argumentative Strategie der Pyrrhoneer, die in der Darstellung einer diaphōnia (eines Widerstreits) über den jeweils untersuchten Gegenstand bestand. Kann man zwar über Sokrates behaupten, daß bei ihm die philosophischen Probleme ungelöst bleiben, aber daß sie sich trotzdem nicht auflösen, weil er offen gegenüber einer weiteren Untersuchung derselben bleibt, so trifft dies für den Pyrrhoneer nicht zu. Bei ihm lösen sich die Probleme nach der Untersuchung auf, weil sich eine gewisse Beruhigung, zumindest für eine bestimmte Zeit, in der Seele des Untersuchenden einstellt (P 1.26, 29). Hier ist also eine Ähnlichkeit mit Wittgenstein zu beobachten, zumindest wenn man Stellen wie die folgende betrachtet: „(Die besondere Beruhigung, welche eintritt, wenn wir einem Fall, den wir für einzigartig hielten, andere ähnliche Fälle an die Seite stellen können, tritt in unseren Untersuchungen immer wieder ein, wenn wir zeigen, dass ein Wort nicht nur eine Bedeutung (oder, nicht nur zwei) hat, sondern in fünf oder sechs verschiedenen (Bedeutungen) gebraucht wird.)“ (Big Typescript, § 89)
2. WAS WITTGENSTEIN VOM ALTEN PYRRHONISCHEN SKEPTIZISMUS UNTERSCHEIDET
Die oben erwähnte Einschränkung ‚zumindest für eine bestimmte Zeit‘ ist wichtig, denn Sextus beschreibt ganz genau (a) warum der Pyrrhoneer zu philosophieren beginnt, und (b) welche Art von Erfahrung er dabei macht, das heißt, warum eine Beruhigung (ataraxia) in der Seele des Untersuchenden eintritt.
(a) Er fängt an zu philosophieren, weil ihn bestimmte Probleme beunruhigen, weil er eine anōmalia in den Dingen wahrnimmt (P 1.12). Am Ende der Untersuchung, und dank ihrer, lösen sich die Probleme auf und Beruhigung tritt ein, aber dies gilt nur, solange derjenige, der die Untersuchung angestellt hat, nicht mehr von denselben Problemen beunruhigt wird. Mit anderen Worten: Das Ergebnis der Untersuchung hat nicht die Kraft, die Probleme ein für alle Mal aufzulösen, es gibt keine Garantie dafür, daß der Untersuchende in Zukunft nie wieder eine anōmalia über dieselben Probleme wahrnehmen und von ihr beunruhigt sein wird (man kann ja nicht ausschließen, daß neue Elemente ins Spiel kommen). Dies ist schließlich auch der Grund, weswegen Sextus völlig kohärent in P 1.2-3 behaupten kann, daß die Pyrrhoneer, im Gegensatz zu allen anderen Philosophen, die einzigen sind, die weiterhin nach der Wahrheit (bestimmter Gegenstände) suchen.
Der erste Zug bei einer pyrrhonischen Untersuchung ist in der Regel die Darstellung unterschiedlicher, gegeneinander streitender Stimmen (was Sextus diaphōnia – ‚Widerstreit‘ – nennt (P 1.164-165), wobei der Streit verschiedene Definitionen von Begriffen oder verschiedene Thesen bzw. Theorien betrifft). (Die diaphōnia ist allerdings nur eines von mehreren Argument-Schemata, die der Pyrrhoneer in seinen Untersuchungen anwenden kann.) Die Tatsache nun, daß eine diaphōnia über einen bestimmten Untersuchungsgegenstand herrscht, reicht an sich nicht, um zu zeigen, daß die Probleme ungelöst sind (damit die Beruhigung eintreten kann). Es könnte der Fall sein, daß eine der Parteien recht hat, obwohl die anderen nicht bereit (oder nicht in der Lage) sind, dies anzuerkennen.
(b) Sextus drückt sich sehr sorgfältig aus, wenn er angibt, warum der Pyrrhoneer zu einer Beruhigung gelangt; er sagt uns, worin eine Untersuchung besteht, und welche die Folgen für den Untersuchenden sind: „Die Skepsis ist die Fähigkeit, auf jede mögliche Weise erscheinende und gedachte Dinge einander entgegenzusetzen, von der aus wir wegen der Gleichgewichtigkeit (isostheneia) der entgegengesetzten Sachen und Argumente zuerst zur Urteilsenthaltung (epochē), danach zur Seelenruhe (ataraxia) gelangen.” (P 1.8) Eine Bedingung also, um zur Enthaltung des Urteils zu gelangen, ist, daß dem Untersuchenden die Argumente pro und contra eine bestimmte These gleichgewichtig erscheinen. Nur wenn man mit der isostheneia der Argumente konfrontiert wird, kommt man zur epochē; und nur wenn man zur epochē kommt, erreicht man die ataraxia (s. P 1.26-29).
Sextus definiert genauer, was man unter isostheneia und unter epochē zu verstehen hat: „‚Gleichgewichtigkeit‘ nennen wir die Gleichheit in Glaubwürdigkeit und Unglaubwürdigkeit, so daß keines der unverträglichen Argumente das andere als glaubwürdiger überragt. ‚Urteilsenthaltung‘ ist ein Stillstehen des Verstandes, durch das wir weder etwas aufheben noch setzen.“ (P 1.10.) Angesichts der Tatsache, daß der Begriff der isostheneia eine zentrale Rolle in der pyrrhonischen Philosophie einnimmt, scheint mir, daß einige Formulierungen über PU in Stern (2004), die den Charakter der philosophischen Methode Wittgensteins beschreiben sollen, dem Geist des Pyrrhonismus nicht entsprechen. Stern behauptet: „(Wittgenstein) aimed to dissolve those problems, by means of a dialogue between opposing voices, a dialogue in which the commentator comes closer to expressing the author’s viewpoint than either of his leading protagonists do.“ (S. 23, meine Hervorhebung.) Wenn ein Pyrrhoneer zu der Ansicht neigt, daß p (statt q oder r etc.) der Fall ist, dann erreicht er keine isostheneia, enthält sich infolgedessen nicht des Urteils, und gelangt so auch nicht zur ataraxia. Damit wird das anfängliche Problem nicht aufgelöst.
Stern macht außerdem auf den folgenden Umstand aufmerksam: „However, if Wittgenstein is correct, the accounts offered by all the participants in his dialogues are nonsense, and so cannot, in the end, be true or false.” (S. 25, meine Hervorhebung.) Der Pyrrhoneer würde sich in diesem Fall wohl vorsichtiger ausdrücken; er würde offen lassen, ob es sinnvoll ist, auf ein bestimmtes Problem eine bestimmte Antwort zu geben, ob diese Antwort wahr oder falsch ist. Das einzige, das er feststellen könnte, wäre, daß ihm die bis jetzt angeführten Argumente nicht hinreichend erscheinen, um das Problem zu lösen. Vielleicht ist die Antwort sinnvoll, vielleicht ist sie wahr, doch nach seiner philosophischen Untersuchung ist es ihm nicht gelungen, dies zu sehen.
Man sollte die Definition der epochē (s. oben) in bezug auf das pyrrhonische Schlagwort ‚nicht eher‘ deuten: „Das ‚Nicht eher dieses als jenes‘ zeigt aber auch ein Erlebnis (pathos) von uns an, bei dem wir wegen der Gleichwertigkeit der gegensätzlichen Dinge in ein Gleichgewicht münden. Dabei nennen wir […] ‚Gleichgewicht‘ das Keinem-von-beiden-Zustimmen. So gebrauchen wir das Schlagwort ‚um nichts eher‘ […] gleichgültig und mißbräuchlich, entweder anstelle einer Frage oder anstelle des Ausdrucks ‚ich weiß nicht, welchem von diesen Dingen man zustimmen soll und welchem nicht‘.“ (P 1.190-191, meine Hervorhebung.)
Zusammenfassend läßt sich also feststellen, daß gerade der Hinweis auf die Methode auch einen wichtigen Unterschied zwischen Wittgenstein und den Pyrrhoneern zu markieren scheint, denn die letzteren hatten neben der diaphōnia auch eine Reihe weiterer, bewährter Argument-Schemata – s. (Barnes 1990), (Annas and Barnes 1985), die sie systematisch auf jeden möglichen Untersuchungsgegenstand anwendeten. Wittgensteins Art und Weise zu untersuchen, sein Sich-Entfernen von dem Untersuchungsgegenstand und sein immer wieder Zurückkommen auf denselben aus unterschiedlichen Blickwinkeln (Sluga 2004) stellt einen originellen Charakter dar, der es verdient, eingehender und unabhängig von den herkömmlichen Kategorisierungen erörtert zu werden.
Abschließend möchte ich noch etwas über das Ziel bemerken, das Fogelin (21987) Wittgenstein und dem alten Pyrrhonismus zuschreibt: die Philosophie, wie sie traditionell praktiziert wird, aufzuheben. Wir haben gesehen, daß sich die ungelösten (philosophischen) Probleme für einen Pyrrhoneer nur temporär auflösen können, daß ein Pyrrhoneer möglicherweise von den selben Fragen in einer mehr oder weniger fernen Zukunft „gepeitscht“ werden kann (es steht nicht in seiner Macht, ob dies eintreten wird oder nicht), und daß er sich deswegen als einen sieht, der, im Gegensatz zu den dogmatischen Philosophen, diesen Fragen gegenüber offen bleibt und weiter (unter)sucht. Wittgenstein äußerte sich meiner Meinung nach in eben diesem Sinne, als er Rhees gegenüber in bezug auf PU 133 sagte: „In my book I say that I am able to leave off with a problem in philosophy when I want to. But that’s a lie; I can’t.“ (Stern 2004, S. 53.)
LITERATUR
- Annas, Julia and Barnes, Jonathan 1985, The Modes of Scepticism, Cambridge: Cambridge University Press.
- Barnes, Jonathan 1990, The Toils of Scepticism, Cambridge: Cambridge University Press.
- Flückiger, Hansueli (ed.) 1998, Sextus Empiricus. Gegen die Dogmatiker. Adversus mathematicos libri 7–11, Sankt Augustin: Academia Verlag.
- Fogelin, Robert 21987, Wittgenstein, London: Routledge & Kegan Paul.
- Fogelin, Robert 1994, Pyrrhonian Reflections on Knowledge and Justification, Oxford: Oxford University Press.
- Gebauer, Gunter 2009, Wittgensteins anthropologisches Denken, München: Verlag C. H. Beck.
- Hossenfelder, Malte (ed.) 21993, Sextus Empiricus. Grundriß der pyrrhonischen Skepsis, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
- Kenny, Anthony 1973, Wittgenstein, Cambridge, MA: Harvard University Press.
- Sluga, Hans 2004, „Wittgenstein and Pyrrhonism“, in: Walter Sinnott-Armstrong (ed.), Pyrrhonian Skepticism, Oxford: Oxford University Press, 99-117.
- Stern, David G. 2004, Wittgenstein’s Philosophical Investigations. An Introduction, Cambridge: Cambridge University Press.
- Williams, Michael 2004, „The Agrippan Argument and Two Forms of Skepticism“, in: Walter Sinnott-Armstrong (ed.), Pyrrhonian Skepticism, Oxford: Oxford University Press, 121-145.
- Wittgenstein, Ludwig 1984, Werkausgabe. Band I. Tractatus logico-philosophicus. Tagebücher 1914–1916. Philosophische Untersuchungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
- Wittgenstein, Ludwig 1984, Werkausgabe. Band VIII. Bemerkungen über die Farben. Über Gewißheit. Zettel. Vermischte Bemerkungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
ROSARIO LA SALA
Univerzitet Erlangen-Nirnberg
VITGENŠTAJN I STARA SKEPTIČKA TRADICIJA
Sažetak: U sledećem prilogu će biti pokazane dve stvari: prvo (i) da filozofija „kasnog“ Vitgenštajna pokazuje neke bitne osobine koje su mu zajedničke sa starim pironovskim skepticizmom; međutim, drugo (ii) da Vitgenštajnov „skepticizam“ ima specifičan karakter koji je povezan sa njegovim „filozofskim stilom“ – karakter koji se ne bi mogao adekvatno shvatiti ako bi se postavio zahtev da se opiše jednom uobičajenom kategorizacijom kao što je ona „starog pironovskog skepticizma“.
Ključne reči: Vitgenštajn, skepticizam, pironizam, sumnja, izvesnost
ROSARIO LA SALA
University of Erlangen-Nuremberg
WITTGENSTEIN AND THE OLD SCEPTICAL TRADITION
Abstract: Is the late Wittgenstein a sceptic? The present article has a twofold aim: Firstly, I want to show that one can find essential characteristics of pyrrhonic scepticism in Wittgenstein’s late work. Based on this, I will therefore discuss the argument that Wittgenstein’s supposed ‘scepticism’ closely relates with the philosopher’s own philosophical style. The established term of ancient scepticism can thus not serve as an adequate or satisfying description of Wittgenstein’s late philosophy.
Keywords: Wittgenstein, Scepticism, Pyrrhonism, Doubt, Certainty
- 2. In diesem Aufsatz werden die Ausdrücke ‚Pyrrhonismus‘ und ‚Skeptizismus‘ (und verwandte Termini) durchgehend als austauschbar verwendet.
- 3. Es lohnt sich, in diesem Kontext noch ÜG 347 ausführlich heranzuziehen: „»I know that that’s a tree.« Warum kommt mir vor, ich verstünde den Satz nicht? obwohl er doch ein höchst einfacher Satz von der gewöhnlichsten Art ist? Es ist, als könnte ich meinen Geist nicht auf irgendeine Bedeutung einstellen. Weil ich nämlich die Einstellung nicht in dem Bereiche suche, wo sie ist. Sowie ich aus der philosophischen an eine alltägliche Anwendung des Satzes denke, wird sein Sinn klar und gewöhnlich.“